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Pydna Im Hunsrück: von Atomraketen zur Nature One
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„Ich habe da eine Utopie“

August von Dahl (1942–2026) – der Pfarrer, der im Hunsrück die Raketen auf die Kanzel holte

August von Dahl auf dem Beller Markt im Jahr 2011
August von Dahl auf dem Beller Markt, 2011.
Zum Tod von August von DahlDer Nachruf mit Bildern aus vier Jahrzehnten und sechs Filmen steht in einem eigenen Beitrag: Zum Tod von August von Dahl.
Buchumschlag: Sabine Stange, Kriegsvorbereitung im Hunsrück, Klartext Verlag 1986
Sabine Stange: Kriegsvorbereitung im Hunsrück. Klartext Verlag, Essen 1986.

1986, im Jahr der Großdemonstration von Hasselbach, erschien im Essener Klartext Verlag ein schmales Buch: Kriegsvorbereitung im Hunsrück von Sabine Stange, mit einem Vorwort von Robert Jungk. Darin erzählen Menschen aus der Region selbst, warum sie sich gegen die Stationierung der Marschflugkörper stellten. Zwei Beiträge stammen aus dem Beller Pfarrhaus: Jutta Dahl schrieb „Das Paradies hat Sprünge“, August Dahl „Ich habe da eine Utopie“.

Wer verstehen will, was den Mann angetrieben hat, der am 20. September 2026 im Alter von 83 Jahren gestorben ist, findet dort die genaueste Auskunft – von ihm selbst, mitten im Konflikt, ohne den Abstand von vierzig Jahren. Die Zitate auf dieser Seite folgen dem Wortlaut und der Rechtschreibung von 1986.

Wuppertal: ein Atlas, ein Finger, eine Frage

Dahl wuchs in Wuppertal auf, in einer Arbeiterfamilie – der Vater in einer großen Maschinenfabrik, die Mutter Hausmädchen, fünf Kinder. Prägend war der bergische Pietismus, eine Frömmigkeit, die, wie er es beschrieb, „danach fragt, welche Dinge passieren nach Gottes Willen hier in dieser Welt und wo ist der Einzelne in seiner Verantwortlichkeit gefordert“. Von den Eltern hörte er von der Arbeitslosigkeit der zwanziger Jahre und von dem Gespür, das sie gegenüber dem NS-Staat entwickelt hatten. Ihre Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben hatte sie den Entschluss fassen lassen, sich zu Missionaren ausbilden zu lassen. Dann kam der Krieg, und der Vater wurde eingezogen.

Es war einer der wenigen Tage, an denen Vater länger zuhause war – als CVJM-Reisesekretär in Bingen. In Erdkunde behandelten wir gerade die Sowjetunion. Nachmittags saß ich am Tisch, hatte den großen Atlas aufgeschlagen, lernte, wo welche Flüsse liegen, welche Gebirgszüge. Da beugt er sich von hinten über mich. Ich seh noch seinen Finger. „Da war ich auch“, sagt er. Seine Stimme klang ganz komisch. Wie ich mich umdrehe, seh ich, daß er feuchte Augen hat. „Erzähl doch mal“, sag ich zu ihm.

Von diesem Tag an fasste der Vater immer wieder den Mut, von den Kriegsjahren zu erzählen. Und die Kinder fragten weiter. Dahl rechnete sich ausdrücklich der Generation zu, „die ihre Lehrer in den Herzinfarkt getrieben hat mit Fragen wie: Was habt ihr denn gemacht damals, als die Nazis an die Macht kamen, die Verfolgungen begannen, der Krieg vorbereitet wurde? Habt ihr wirklich nichts gemerkt?“ Dazu kam ab 1966 die Studentenbewegung, der Vietnamkrieg, die Ideologiekritik. Am Ende stand ein Satz, der alles Weitere erklärt:

Durch all diese Dinge, die da zusammenkamen im Laufe der Zeit, ist bei mir eine Prägung entstanden: Mißbrauch gegen Menschen? Nie wieder, egal, an welcher Stelle!

Vom Parteibuch zum Doppelbeschluss

Wenn dieses Land eine Demokratie sei und die freiheitlichste Verfassung der Welt habe, so seine Überlegung, wo finde er dann als jemand, der versucht, Christ zu sein, Bundesgenossen? 1968 trat er in die SPD ein. Brandt als Kanzler, Heinemann als Präsident, „Mehr Demokratie wagen“ – das war sein Idealismus. Der Umschwung von Brandt zu Schmidt war dann der Anlass, das Parteibuch 1980 zurückzugeben. Vorher aber führte er dazu, dass die Dahls sich in die Materie einarbeiteten:

Diese überschnelle Pershing II, diese Cruise Missile, wurde uns klar, bedeuten nicht die Einleitung einer neuen Aufrüstungsrunde, sondern, ob wir das wollen oder nicht, die ständige Drohung des Weltuntergangs.

Seit 1978, schrieb er, sei ihm eines ganz klar: Frieden und Friedensengagement gehörten untrennbar zusammen – „und das ist sehr viel umfassender als der militärpolitische Friedensbegriff, von dem dauernd die Rede ist“.

Bell, 1976

1976 kam die Familie aus Essen in den Hunsrück, wo Dahl bis dahin Gefängnispfarrer gewesen war. Seine Frau Jutta war ebenfalls ordinierte Pfarrerin. Ihr Text im selben Buch beginnt nicht mit Politik, sondern mit einer Landschaft:

Dann sind wir mit unseren beiden kleinen Kindern aufs Land gezogen, weil wir nicht wollten, daß sie zwischen Autos, Straßen und öden Spielplätzen aufwachsen müssen, und auf einmal hatte ich ein Gefühl: hier ist das Paradies.

Dann starb ihre kleine Tochter. „Ich sah“, schrieb sie, „das Paradies hat Sprünge.“ Es war die Landschaft, die sie danach getröstet hat – und von ihr her argumentierte sie fortan, auch in ihren Reden: von der Heimat, vom Hunsrück, von den Hunsrückern. Das Gefühl der Dringlichkeit kam für sie mit der großen Bonner Demonstration 1981.

Ich will einfach nicht, daß die Menschen, die hier leben, und damit auch ich, totschweigen, daß mitten unter uns die brutalste Tötungsmaschinerie entsteht.

Kreuze auf dem Acker

August von Dahl trägt ein Holzkreuz über den Friedensacker bei Bell, 1985
Friedensacker bei Bell, 1985: 96 Kreuze für 96 geplante Marschflugkörper.

Am Haupttor des Stationierungsgeländes stand ein vier Meter hohes Holzkreuz. Dort fand seit dem Sommer 1983 jeden Sonntag ein ökumenisches Friedensgebet statt, gehalten von Jutta und August Dahl zusammen mit dem katholischen Pfarrer Vogt aus Kastellaun. Das Presbyterium der Kirchengemeinde Bell erklärte es einstimmig zum offiziellen Sonntagsgottesdienst. An Ostern 1984 wurden auf einem Acker der Landwirtin Lore Kneip 96 Kreuze aufgestellt – eines für jede Rakete, die hier stehen sollte. Warum ausgerechnet Kreuze, hat Dahl selbst erklärt:

Das Kreuz ist für uns zum Lebenszeichen geworden, weil die Liebe, den Menschen nahezubringen, durchgehalten hat bis zum Foltertod am Kreuz. Er ist nicht abgehauen, obwohl er es gekonnt hätte. Gott hat gesagt: Dieser Tod ist nicht das Letzte. Und weil Gott in der Ostergeschichte gegen diesen Tod protestiert, protestiert er gegen alle Tode, gegen jedes Kreuz, das irgendwo auf der Welt irgendjemand zu tragen hat. Deswegen steht es auf unseren Friedhöfen, und deswegen stehen oben auf dem Acker an der Hunsrückhöhenstraße sechsundneunzig Kreuze und an der Ecke der Baustelle drei Kreuze und oben am Tor zur B-Battery das große Friedenskreuz.

„Politik gehört nicht auf die Kanzel“

Als Dahl anfing, die Friedensfrage in den Mittelpunkt seiner Predigten zu stellen, gab es zwei Reaktionen. Die einen sagten, das sei gut, er spreche ihnen aus dem Herzen. Die anderen sagten: „Unser Pfarrer im Dritten Reich, der hat auch so gesprochen.“ Einer seiner Vorgänger in der Gemeinde war Mitglied der Bekennenden Kirche gewesen. Auf einmal erzählten die Leute, dass die Gestapo in der Kirche gesessen hatte und der Pfarrer nach Koblenz befohlen worden war.

So fügte sich die Auseinandersetzung um die Raketen an an die Auseinandersetzung um den Glauben hier im Dorf vor vierzig Jahren.

Gesprächskreis Frieden mit Beller Jugendlichen in den 1980er Jahren
Gesprächskreis Frieden mit Beller Jugendlichen. Neben dem sonntäglichen Friedensgebet gab es regelmäßige Treffen im Gemeindehaus.

Widerspruch kam vor allem von denen, die fanden, Politik gehöre nicht auf die Kanzel – „in der Regel“, notierte Dahl trocken, „sind es Männer, die so eine bollernde, wütende bis haßerfüllte Art haben, das zu sagen“. Zugleich beobachtete er, dass gerade die Sechzig- bis Fünfundsechzigjährigen, die den Nationalsozialismus als Achtzehn-, Neunzehnjährige selbst erlebt hatten, über die Zusammenhänge nachzudenken begannen.

Wie weit die Leute dabei gingen, war von Dorf zu Dorf verschieden und hing, so seine Deutung, an der jeweiligen Dorfvergangenheit. In einem Nachbardorf, in dem man sich in den dreißiger Jahren eine Aufwertung der Bauern erhofft hatte, war es ungleich schwerer, die Fragen überhaupt zu stellen. Der Mechanismus sei derselbe geblieben, meinte er: Damals habe der Staat mit Hoffnungen gearbeitet, heute argumentiere man in der strukturschwachen Region mit Arbeitsplätzen. Und er warnte die eigene Seite vor Ungeduld:

Wenn ich einen Menschen dazu bringen will, ein bestimmtes Produkt zu kaufen, brauche ich dazu drei Minuten, wenn ich einen guten Werbepsychologen habe. Aber um wirklich die Meinung, das Grundverhalten zu ändern, dazu braucht es mindestens zwei bis drei Generationen. Das ist eine Sache, die heute immer noch zu wenig gewußt wird, auch in der Friedensbewegung.

Warum ausgerechnet der Pfarrer

Dahl hat sein Reden nie als Privatsache verstanden, sondern als Amtspflicht – und zwar stellvertretend für die, die sich das nicht leisten konnten.

Ich empfinde diese Tatsache, daß ein paar tausend Leute jeden Monat ihre Kirchensteuer zusammenschmeißen, damit meine Familie und ich davon leben, als Verpflichtung, Position zu beziehen zu den Raketen. Jemand, der bei der Bundeswehr arbeitet, hat nicht die Möglichkeit, so offen zu reden wie ich, ohne gleichzeitig dem Druck eines Personalmenschen ausgesetzt zu sein, der sagt: „Sie sind gesehen worden! Wenn Sie das nochmal machen …“

Dem Soldaten, der ihm sagte, er gehe als Christ zur Bundeswehr, weil er den Frieden sichern wolle, hielt er entgegen, dann müsse er sich die Frage gefallen lassen, was Jesus dazu sage. Naiv sei diese Frage, hat man ihm vorgeworfen. Er fand sie nur einfach – und deswegen unbequem: „Ich kann mir jedenfalls den Herrn Jesus nicht vorstellen am roten Knopf oder als Kommandanten, der oben aus dem Turm von einem Leopard 2 guckt.“

Was es gekostet hat

1984 wurden die Verträge der Dahls an der Realschule und an der Integrierten Gesamtschule Kastellaun nicht verlängert, wo beide seit 1976 nebenamtlich Religion unterrichtet hatten; gleichzeitig lief August Dahls Vertrag an der Krankenpflegeschule des Rhein-Hunsrück-Kreises in Simmern aus. Offiziell wurden Stellenstreichungen angeführt. Der Personalrat habe ihm bedeutet, so Dahl später, die Bezirksregierung beschäftige ihn nicht länger, weil er „den Mund aufgemacht hatte“. Jutta Dahl schrieb dazu 1986 nur:

Von offizieller Seite hat natürlich nie jemand gesagt, daß es wegen unseres Friedensengagements ist.

1987 verurteilte ihn das Amtsgericht Simmern wegen der Teilnahme an einer Sitzblockade vor dem Stationierungsgelände wegen Nötigung zu 30 Tagessätzen à 70 DM. Zehn Jahre später wurde er – wie die übrigen Blockadeteilnehmer – nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts rückwirkend freigesprochen.

Der Spitzname, den ihm seine Gegner verpassten, wurde zu seinem Markenzeichen: „Raketen-August“. Der Spiegel beschrieb ihn 1986 als „bemerkenswerten Gottesmann: mächtige Stimme, schulterlange graue Haare, imposanter Rauschebart“ und zitierte den CDU-Landtagsabgeordneten Walter Mallmann aus Simmern: „Ohne diesen Pfarrer gäbe es niemals solche Unruhe bei uns. Der hat die Leute mobilisiert.“ Der Hunsrücker Friedensaktivist Horst Petry hat es freundlicher gesagt: August Dahl „hat den Menschen die Angst davor genommen, sich politisch zu engagieren“.

Die Utopie

Der Text von 1986 endet nicht bei den Raketen, sondern bei einem Gedankenexperiment, das Dahl selbst für verrückt hielt und trotzdem aufschrieb.

Ich habe da eine Utopie, die vielleicht verrückt klingt: Durch die vielen Kriege, die wir geführt haben, ist das ungeheure Organisationstalent der Deutschen weltweit anerkannt. Mit Schrecken riefen alle Völker: „Die Deutschen kommen!“ Nun wäre es ja vielleicht möglich, daß dieses Organisationstalent eines Tages umgelenkt würde, so, daß die Leute geradezu darauf warten, daß die Deutschen kämen – wegen ihres Organisationstalentes, bei Flutkatastrophen beispielsweise, Erdbeben oder sonstigem. Von mir aus sollen sie alle ihre Uniformen behalten, wenn ihr Herz so daran hängt, sollen sie alle ihr Gehalt weiter kriegen. Ich bin auch bereit, einen Teil meiner Steuern zu verdoppeln, wenn dadurch genug für solche Zwecke zur Verfügung stünde, aber bitte nur für sowas. Dann möchte ich das Land sehen, das uns politisch erpreßt oder militärisch bedroht. Aber das erfordert Mut.

Danach

Im Oktober 1986 sprach Dahl bei der Großdemonstration in Hasselbach als Vertreter der Friedensinitiativen. Das Friedensgebet vor dem Tor ging bis 1989 weiter. Jutta Dahl erhielt 1988 gemeinsam mit Superintendent Werner Sanß als erste Preisträgerin den Aachener Friedenspreis, August Dahl 2002 die Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz, 2009 die Staatsmedaille für besondere soziale Verdienste. Edgar Reitz gab ihm 2002/03 in Heimat 3 eine Rolle: den Pfarrer von Schabbach – er spielte sich selbst.

1976 bis 1999 war er Pfarrer in Bell und Leideneck, danach unter anderem Diakonie-Pfarrer im Kirchenkreis Simmern-Trarbach, von 1993 bis 1999 Mitglied der Landessynode, Mitbegründer der ökumenischen Notfallseelsorge und von 1998 bis 2018 Landespfarrer der Johanniter-Unfall-Hilfe. 2015 gehörte er zu den Gründern der Syrienhilfe Vorderhunsrück. Gefragt, was Freiheit für ihn bedeute, antwortete er 2018 im SWR:

Wirkliche Freiheit ist immer auch gefährlich, weil sie mich in die Verantwortung stellt!

Superintendent Markus Risch über ihn: „Karl-August von Dahl war dabei stets gradlinig und profiliert, ohne dabei die Liebe zu den Menschen zu verlieren.“

Bell, 2009

Die Verbindungen aus den achtziger Jahren rissen nicht ab. Am 18. Juli 2009 traf sich die Friedensbewegung im BellVue in Bell – zu Gast waren Cathy und André Stoner aus den USA.

Treffen der Friedensbewegung im BellVue in Bell mit Cathy und André Stoner aus den USA, 18. Juli 2009
Bell, 18. Juli 2009: Treffen der Friedensbewegung im BellVue mit den Gästen Cathy und André Stoner aus den USA. August von Dahl sitzt links am Tisch, im roten Hemd.

Quellen