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Pydna Im Hunsrück: von Atomraketen zur Nature One
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← Mobilisierung durch Information  ·  Magisterarbeit  ·  Matthias Kagerbauer, 2008

5 Ausblick und Schluss

Die Friedensbewegung war, wie die vorliegende Arbeit zeigt, nicht nur eine heterogene, sondern auch eine regional sehr unterschiedliche Bewegung. Während die Friedensbewegung auf Bundesebene hauptsächlich von bereits bestehenden Gruppen, Organisationen und Parteien getragen wurde, waren es auf regionaler Ebene im Hunsrück einzelne Menschen, oft ohne Gruppenzugehörigkeit, die sich in der Friedensbewegung engagierten. Auch verlief die Entwicklung hier zeitlich versetzt, da die Friedensbewegung im Hunsrück nicht auf bestehende Organisationsstrukturen und Netzwerke zurückgreifen konnte.

Die Strukturen der Friedensbewegung auf Bundesebene konnten über 1987 hinaus nicht lange aufrecht erhalten werden, wirken aber bis heute nach. Der Koordinationsausschuss, das wichtigste Gremium der Bewegung, bestand bis zum Ende des Kalten Krieges. Am 16. Juni 1989 trat mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste die führende Organisation des christlichen Spektrums aus dem KA aus; am 17. Dezember 1989 löste sich der Koordinationsausschuss zugunsten des neuen Netzwerks Friedenskooperative auf.464 Dieses besteht noch immer und bildet mit seinem Büro in Bonn eine zentrale Anlaufstelle für die Friedensgruppen und -initiativen in der Bundesrepublik. Das Netzwerk Friedenskooperative beschließt und organisiert im Gegensatz zum Koordinationsausschuss keine Aktionen, sondern stellt, wie der Name impliziert, eine Dachorganisation zur Vernetzung der bundesweit verstreuten Gruppen dar.465 Es koordiniert deren Aktivitäten zu Themenkomplexen wie Rüstung, Waffenhandel und Atomwaffen.

Das kommunistische Spektrum, das zu Beginn den Kurs der Friedensbewegung auf Bundesebene maßgeblich prägte, verlor seit dem Stationierungsbeschluss des Bundestages an Einfluss. Ein „schleichender Auflösungsprozess“466 trat ein, der mit dem Ende des Kalten Krieges abgeschlossen war. Im Mai 1990 löste sich mit dem KOFAZ die einflussreichste DKP-Hilfsorganisation auf.467

Auf rheinland-pfälzischer Ebene gab es keine eigenständigen Strukturen. Die in der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz engagierten Gruppen, Organisationen und Parteien waren weitgehend identisch mit denen auf Bundesebene. Ein übergeordnetes Gremium bildete sich nicht heraus; am ehesten erfüllte diese Funktion der Ostermarschkreis, der ein eigenes Büro unterhielt und dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Gruppen stammten.468 Abgesehen von den Treffen des Ostermarschkreises arbeiteten die einzelnen Gruppen in der Regel unabhängig voneinander. Eine Vernetzung bestand vornehmlich unter den lokalen und regionalen Friedensinitiativen wie der AGF Trier und der FI im Hunsrück.

Auch in Rheinland-Pfalz ebbte das Engagement mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Abzug der Marschflugkörper ab. Mit dem Einzug der Grünen in den rheinland-pfälzischen Landtag im Jahr 1987 fand eine Institutionalisierung des Anliegens der Friedensbewegung statt. Die Tradition der Ostermärsche blieb über die 1980er Jahre hinaus aufrecht erhalten. Der Ostermarschkreis Rheinland-Pfalz löste sein Büro jedoch auf; heute besteht eine gemeinsame Ostermarschinitiative der Städte Mainz und Wiesbaden.469

Innerhalb von Rheinland-Pfalz bildete sich mit der Hunsrücker Friedensinitiative eine eigenständige Friedensbewegung mit stark regionaler Prägung heraus. Diese konnte im Gegensatz zur Friedensbewegung auf Bundesebene nach dem Stationierungsbeschluss des Bundestages sogar immer mehr Menschen für ihre Ziele gewinnen. Innerhalb der Hunsrücker Friedensbewegung bestand, trotz der auch hier herrschenden Heterogenität, ein starker Zusammenhalt. Dies kann auf den gemeinsamen Bezug der Hunsrücker Aktivisten zu ihrer Heimat und auf die unmittelbare Nähe zu den als Bedrohung empfundenen Marschflugkörpern zurückgeführt werden.

Von großer Bedeutung war im Hunsrück das Engagement einzelner Protagonisten, die durch ihre Informationspolitik die Mehrheit der ansässigen Bevölkerung für ihr Anliegen gewinnen konnten. Sie waren auch nach dem Abzug der Marschflugkörper friedenspolitisch aktiv und engagierten sich gegen den 2. Golfkrieg sowie den Krieg in Jugoslawien. So nahmen Hunsrücker Friedensaktivisten ab 1992 über einen längeren Zeitraum mehr als 30 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien auf.

Ihren hohen Mobilisierungsgrad aber konnte auch die Hunsrücker Friedensbewegung nicht über 1987 hinaus aufrecht erhalten. Allerdings entwickelten sich im Hunsrück in den 1980er Jahren Strukturen, die weiterhin Bestand haben. Der „Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung Rhein-Hunsrück-Mosel e.V.“ ist bis heute aktiv und dient, wie das Netzwerk Friedenskooperative auf Bundesebene, der Koordination der regionalen Friedensgruppen.

Insgesamt erachte ich persönlich als bemerkenswert, wie viel Zeit und Engagement die Hunsrücker Friedensaktivisten aufgebracht haben, um sich friedlich gegen die Stationierung der Marschflugkörper in ihrer Region zu wehren, obwohl die Aussichten auf Erfolg äußerst gering waren. Auch wenn man ihre Ansichten nicht teilt, verdient es Respekt, dass die Aktivisten zumeist aus einer tiefen Überzeugung heraus handelten und bereit waren, für ihren Protest persönliche und berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen.

Anmerkungen

  1. Vgl. EZA, 97/1184.
  2. Vgl. Netzwerk Friedenskooperative (www.friedenskooperative.de/, Stand: 24.09.2008).
  3. Baron, KOFAZ, 212.
  4. Vgl. ebd., 212.
  5. Die Funktion und Zusammensetzung des Ostermarschkreises sowie der Einfluss kommunistischer Gruppen wären eine gesonderte Untersuchung wert.
  6. Vgl. Ostermarschinitiative Mainz (www.ostermarsch.info/mainz/mainz.htm, Stand: 24.09.2008.).